7

 

»Spät, aber doch kommst du, Dude. Ich habe schon so lange auf dich gewartet.«

Brillantblaue Augen tauchten aus dem finstersten Winkel der Brunnenhöhle wie eine Geistererscheinung auf, dann ein Gesicht. Ich erkannte es sofort wieder – und doch hatte ich es noch nie vorher gesehen. Aber Paps' Erinnerungen an die einstigen Bewohner dieses Ortes hatten sich mir so stark ins Gedächtnis gegraben, daß ich mittlerweile jeden einzelnen von ihnen so gut zu kennen glaubte, als wäre ich damals selber unter ihnen aufgewachsen. Und das mir zwischen den modernden Gebeinen entgegentretende Gesicht hatte sich mir besonders eingeprägt.

Schließlich wurde der ganze Kerl sichtbar. Er trug über dem braunbeigen Fell quasi eine Ganzkörper-Maske aus schwarzen Einfärbungen am Gesicht, an den Ohren, dem Schwanz und an den Beinen. Der Kopf war keilförmig, was der Erscheinung etwas Arrogantes verlieh, die Statur orientalisch schlank und ziemlich muskulös. Doch der buchstäbliche Eye-Catcher bestand aus diesen strahlenden Augen, in denen es wie Zauberfeuer loderte. Kurzum, ich hatte einen wahren Apoll von einem Siamesen vor mir. Daß er mir trotz der preisverdächtigen Empfindlichkeit meiner Sinne bis jetzt wie unter einer Tarnkappe verborgen geblieben war, sprach für sein Können in dieser unserer Rasse höchsteigenen Disziplin. Der Umstand aber, der mich umgehauen hatte, war seine Ähnlichkeit mit dem aus Paps' Erzählung stammenden Portrait in meinem Schädel. Sein Name war Eloi!

Er stolzierte aus dem düsteren Winkel und näherte sich mir, während ich rücklings immer noch ganz baff auf den Knochen lag.

»Entschuldige, daß ich dich erschreckt habe«, sagte er mit seiner geschmeidigen Stimme. »Aber dieser Ort birgt ein grausames Geheimnis, und wer sich darin verirrt, ist mit höchster Vorsicht zu genießen. Du sahst aus, als würdest du dich hier ein bißchen auskennen. Außerdem scheinst du nach etwas ganz Bestimmtem zu suchen.«

»Eloi!« Es war keine Frage, sondern eher der Widerhall meiner konfusen Gedanken.

Er blieb so abrupt stehen, als sei er gegen eine Glaswand gestoßen, und blickte mich mit zehnfach intensivierter Glut an. »Eloi? Hast du Eloi gesagt?«

»Ja.«

»Du kennst Eloi?«

»Ja, ich kenne ihn. Aus den Jugenderinnerungen meines Vaters. Ich heiße übrigens Junior.«

Er nickte bedächtig, so als ob nun alles für ihn einen Sinn ergeben würde. Dabei zeigte sich in dem wie von einer Airbrush-Pistole schwarz gehauchten Siam-Antlitz eine Kombination aus theatralischer Melancholie und einer Aha!-Miene. Er streckte sich vor mir lang. »Dann weißt du ja, was an dieser unseligen Stätte vor vielen, vielen Jahren vorgefallen ist. Ich bin Morlock und so eine Art Wächter des unterirdischen Massengrabs. Oder ein hoffnungsloser Spinner, der die Vergangenheit nicht ruhen lassen will. Eloi war mein Vater, aber ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen. Als meine Mutter – sie kam von auswärts – mit mir schwanger ging, wurde er ermordet. Vermutlich kennst du ja die ganze Geschichte. Wie es so ist bei Kindern, die ihren Vater nie gesehen haben, war ich die ganze Zeit besessen davon, ihn zumindest in der Erinnerung kennenzulernen und nachträglich zu ihm eine Art von Nähe herzustellen. Ich bin oft hier, um mich mit einem Verbrechen auseinanderzusetzen, für das sich keiner mehr interessiert. Das ist meine Art von Andenken an den Alten.«

Er machte einen unendlich traurigen Eindruck. Er war ein Verlorener in einem längst verlorenen Reich.

»Ich kann dich verstehen«, sagte ich. »Auch mich hat es magisch zu den Dudes hingezogen, kaum hatte ich von ihnen erfahren. Die Gerippe hier zeugen ja noch heute von der Grauensnacht.«

»Und weißt du auch, wer dafür verantwortlich war?«

»Ich habe da so eine Ahnung«, erwiderte ich, weil ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte.

»Dann erzähle ich dir zunächst meine Version. Nach diesem entsetzlichen Blutbad kursierten die wildesten Gerüchte im Revier. Natürlich kann man auf Gerüchte wenig geben. Doch ein klitzekleiner, wahrer Kern steckt in jedem Gerücht, hab ich recht? Es gab damals einen unter den Dudes, der sich stets für etwas Besseres hielt. Ein richtiger Klugscheißer war das. Er kam so wie du durch den Brunnenschacht hereingeflogen, und mein Vater nahm sich seiner an und unterrichtete ihn. Doch in Wahrheit war er ein undankbarer Psychopath, der die ganze Zeit das Ziel verfolgte, die Pfote abzuhacken, die ihn fütterte. Damals fanden hier unvorstellbare Minze-Exzesse statt. Dieser falsche Dude machte eifrig mit, aber so wie es aussieht, hat er das Zeug nicht vertragen. Die Droge hat ihn in eine Bestie verwandelt. Er kannte die Schlafgewohnheiten der anderen, er wußte genau, ab welchem Zeitpunkt die zugedröhnten Dudes regelmäßig ins Koma fielen. So konnte er seinen Amoklauf ganz locker angehen. Alles spricht für diesen Ablauf der Dinge, denn zufällig soll er als einziger das Massaker überlebt haben.«

Inzwischen arbeitete mein Hirn wieder auf normaler Betriebstemperatur. Das nützte mir freilich wenig. Denn wie sollte ich einen Sohn, der jahrelang das selbstgebastelte Ideal des abwesenden Vaters angeschmachtet hatte, davon überzeugen, daß der Angebetete nicht der reine Engel war, für den er ihn hielt?

»Du wirst es mir nicht glauben, aber zufällig kenne ich diesen Psychopathen«, sagte ich und versuchte dabei, eine neutrale Miene zu ziehen. »Er ist mein Vater.«

Morlock zuckte so heftig zurück, als hätte er mit feuchter Nase an einem offenen Starkstromkabel geschnüffelt. Die blauen Augen trübten mit einem Mal ein. »Er hat dir also alles erzählt. Auf seine alten Tage plagen ihn wohl Gewissensbisse, und die Erinnerung an die Schandtat ist aus ihm herausgebrochen. Mit seiner Beichte hat er Absolution angestrebt. Ist es nicht so?«

»Nein, Morlock, ganz so ist es nicht. Es ist eher die Geschichte desjenigen, der dieses Massaker tatsächlich als einziger überlebt und daraufhin Rache geschworen hat. Und, wenn ich dich darauf aufmerksam machen darf, es ist auch die Geschichte desjenigen, der das Ganze nicht von irgendwelchen dubiosen Gerüchten her kennt, sondern aus unmittelbarer Nähe erlebt hat.«

Ich gab in kurzen Worten Paps' Schilderungen wieder, wobei ich am Schluß ehrlichkeitshalber gestand, daß ich sie wegen meiner krankhaften Neugier nicht zu Ende gehört hatte. »Eins kann ich dir versichern, Morlock, der gute alte Francis ist über jeden Verdacht erhaben. Er hat deinen Alten geliebt und verehrt, mehr noch als seinen eigenen Erzeuger. Und er liebte Madam, die zu der Zeit seine ungeborenen Kinder in sich trug. Paps genießt den Ruf eines überragenden Detektivs und eines Mannes, der stets für Frieden, Gerechtigkeit und die feline Sache kämpft. Mehr als einmal hat er für diese Werte sein Leben aufs Spiel gesetzt. Und weshalb sollte jemand erst Amok laufen und dann den Rest seiner Tage damit verbringen, für das Gute zu fechten?«

Morlock lächelte, und für den Bruchteil einer Sekunde erkannte ich in seinen blauen Augen den bodenlosen Haß auf das Phantom, das er in den unglücklichen Jahren seiner Vaterlosigkeit aufgebaut hatte. Dieses Phantom von einem Mörder, das er für alles Leid in seinem Leben verantwortlich machte, mußte nun wie eine Seifenblase zerplatzen. Deshalb kam zu dem Haß jetzt auch noch die Wut auf das eigene Unvermögen hinzu. Ich mußte aufpassen, denn der Haß und die Wut konnten sich leicht auch gegen mich richten.

»Das kann ich dir verraten, Juniorlein: weil dein Vater wie gedruckt lügt. Und du weißt das, willst es dir aber nicht eingestehen. Weshalb sonst bist du in dieser eisigen Nacht hierher gekommen und hast die Gerippe selbst in Augenschein genommen? Ganz einfach, du traust in Wirklichkeit dem Märchen selber nicht, das dein alter Herr dir aufgetischt hat.«

»Ein klein wenig hast du recht, Morlock. In der Tat sind mir in seiner Geschichte Ungereimtheiten aufgefallen. Aber nicht, weil ich für das Massaker meinen Vater in Verdacht hatte, sondern weil ich seinen Verdacht entkräften wollte.«

»Was soll das für ein Verdacht sein?«

»Vielleicht ist dir bei deinen Recherchen zu Ohren gekommen, daß man seinerzeit einen ganz anderen verdächtigte. Denn der Massenmord war ja der Höhepunkt von einer Reihe von vorangegangenen Morden draußen auf den Minzefeldern. Du weißt, wovon ich spreche: die verfallene Villa am anderen Ende des verwilderten Parks, zu der man durch den Abwassertunnel dort drüben gelangt. Und der zwielichtige Ex-Sträfling, der damals darin gelebt haben soll.«

Morlock brach in ein solches Gelächter aus, daß ich im ersten Moment dachte, er habe seine Stimmbänder an einen Lautsprecher angeschlossen. Nichtsdestotrotz spürte ich in diesem explosiven Lachen etwas ganz und gar Künstliches, ja die Darbietung eines Theatereffektes, der mich blenden und so vom Kern des Geheimnisses ablenken sollte.

»Die berühmt-berüchtigte Mär von dem Kannibalen, der nach der Verbüßung seiner tausendjährigen Strafe ins Geisterhaus zurückkehrt und nur noch Vierbeiner killt, weil er auf seine alten Tage milde geworden ist«, sagte er, nachdem er sich wieder eingekriegt hatte. »Das galt schon vor siebzehn Jahren als ausgemachter Blödsinn. Und heute? Heute ist es verschimmelter Blödsinn. Die Villa ist seitdem nicht mehr bewohnt und gleicht einem Langzeit-Experiment von Architekten, die feststellen wollen, wann ein sich selbst überlassenes Gebäude in sich zusammenstürzt. Und was diesen alten Narren angeht, ist er inzwischen mit absoluter Sicherheit den Weg allen Fleisches gegangen. Das war also der grandiose Verdacht deines Vaters? Hast du eben nicht erwähnt, er sei ein überragender Detektiv? Da sieht man mal wieder, wie effektiv Public relations in eigener Sache die Karriere fördern.«

Ich wußte nicht, was ich ihm darauf antworten sollte, war ich doch der gleichen Meinung. Jedenfalls was den Quatsch mit dem Kannibalen betraf. Was allerdings die Darstellung von Paps als karrieresüchtigem Detektiv anging, war es unter meinem Niveau, über derartigen Blödsinn überhaupt zu reden. Nein, der Grund, weshalb ich mit der wahren Antwort zögerte, hatte weniger mit Spekulationen zu tun, auf denen mittlerweile zentimeterdicker Staub lag, sondern mit seinen verletzten Gefühlen. Hinsichtlich seines Vaters Eloi nämlich, den er in seiner Scheinwelt zu einem sakralen Opfer hochstilisiert hatte. Wieder einmal bestätigte es sich, daß man der Schönste und der Coolste sein konnte, obwohl man permanent aus dem Herzen blutete.

»Es wäre vielleicht nett, wenn ich meine Ausführungen zu Ende bringen könnte, Morlock«, fuhr ich fort, ohne auf die höhnische Unterbrechung einzugehen. »Ich glaube auch nicht, daß der geheimnisvolle Mann in der Villa für das Massaker verantwortlich war – nicht direkt. Als mir ein paar Details in Paps' Beichte unstimmig erschienen, konnte ich das Ende nicht mehr abwarten und bin hierher gerannt. Meine Zweifel waren gerechtfertigt. Zunächst einmal ist es eine groteske Vorstellung, daß ein erwachsener Mann durch ein stillgelegtes Wasserrohr kriecht, um eine Kolonie von halbverhungerten, minzesüchtigen und den Menschen durch keinen unmittelbaren Schaden bedrohenden Tiere auszulöschen. Es gibt aber gegen die Kannibalen-Theorie auch einen handfesten Beweis. Ein Mensch tötet normalerweise mit einem Werkzeug, einem Messer vielleicht oder einer Schere, von mir aus auch mit einer richtigen Waffe. Dabei würden diese prägnante Spuren an den Knochen der Opfer hinterlassen. Aber die Gebeine hier sind bis auf ein paar vernachlässigbare Kratzer makellos.«

»Was willst du damit sagen?« Morlocks in krampfhafter Ironie aufrechterhaltene Fassade bröckelte allmählich.

»Ich will damit sagen, daß der Typ in der Villa mit diesem Gemetzel direkt nichts zu tun hatte. Es war, wie du es schon sagtest, einer der Dudes, der sich mit den Drogen- und Schlafgepflogenheiten der anderen auskannte. Dennoch spielen die vorherigen Morde auf den Minzefeldern eine entscheidende Rolle.«

»Jetzt bin ich aber mal gespannt.«

»Ich ebenso, denn mit einer waschechten Auflösung kann ich leider nicht dienen. Es ist nur eine Ahnung. Und diese Ahnung bezieht sich auf den unglaublichen Minzekonsum, der von ... Eloi kräftig forciert wurde.«

Morlock schaute mich mit unbewegter Miene an, als wolle er demonstrieren, daß üble Nachrede gegen seinen geheiligten Vater ihn in keiner Weise aus der Fassung zu bringen vermochte.

»Auch das Lesen der Bücher, von denen ich übrigens glaube, daß sie bewußt zu diesem abgeschiedenen Ort gebracht wurden, erscheint mir als eine Art Test. So wie ich es sehe, handelte sich bei der ganzen Sache um so etwas wie eine Selektion. Es ging darum, innerhalb der Brunnenbewohner die Spreu vom Weizen zu trennen. Es ging darum, den Richtigen zu finden.«

»Den Richtigen wofür?«

Nun war ich es, dessen Fassade bröckelte. »Ich habe nicht den blassesten Schimmer, Morlock. Dennoch sagt mir eine innere Stimme, daß die Minze bei jedem einzelnen Dude zunächst das Bewußtsein erweitern und dann sein wahres Ich zum Vorschein bringen sollte. So konnte man erfahren, ob er der Richtige ist.«

»Konnte man erfahren? So, so.«

»Und was das exzessive Lesen angeht, kann ich mir vorstellen, daß es sich dabei auch um einen Check gehandelt hatte, bei dem eine bestimmte Eigenschaft überprüft werden sollte.«

»Aha, nichts Genaues weiß man nicht, meinst du?« Morlock wurde nun doch unruhig, weil er wohl spürte, daß ich mir das Schmerzlichste zum Schluß aufgespart hatte. »Offen gesagt redest du für mich in Rätseln, mein Freund, besser gesagt, in ungedeckten Schecks. Weder ergeben deine kriminalistischen Flickflacks, die du vermutlich deinem hochstaplerischen Paps abgeguckt hast, irgendeinen Sinn, noch rückst du mit einer plausiblen Auflösung heraus. Du läßt alles hübsch in der Schwebe.«

»Nein, Morlock, so gern ich es auch tun würde, ich kann und will es nicht in der Schwebe lassen.« Ich blickte kurz zu Boden, atmete tief durch und hoffte inständig, daß mein Gegenüber genug Anstand aufbringen würde, um meine folgenden Worte ohne irgendwelche Ausfallerscheinungen einzustecken. »Ich glaube, daß Eloi all die Dudes umgebracht hat!«

Er fuhr hoch. »Was redest du da, Mann? Mein Vater war selbst ein Mordopfer. Das hat dir sogar dein verlogener Francis erzählt.« Als hätte ich ihm anvertraut, daß ich unter einer sehr ansteckenden Krankheit leide, ging er einige Schritte rückwärts. Dann zog er sich wie ein schmollendes Kind wieder in die Finsternis zurück, wo nur noch seine phosphoreszierend blauen Augen seine genaue Position verrieten.

»Wie man's nimmt«, sagte ich tapfer, obwohl ich diese Unterhaltung liebend gern beendet hätte. Es machte echt keinen Spaß, einem Sohn das väterliche Heldenbild zu zertrümmern. »In seinem geschockten Zustand hat Paps Elois Leiche nicht näher untersucht, anders als bei den anderen Toten. Er hat nur erzählt, daß Eloi blutverschmiert dagelegen habe.«

»Während dein Vater also furchtlos Leichenbeschau betrieb, hat mein Vater sich mit dem Blut der Getöteten angemalt und sich danach totgestellt. Na toll! Eine Sache verstehe ich dabei allerdings immer noch nicht, Junior-Boy. Wieso hat Eloi, nachdem er die Dudes komplett ausgerottet hatte, Francis leben lassen? Hat ihm vielleicht die Killer-Gewerkschaft die Arbeit nach Mitternacht untersagt?«

»Komm wieder hierher und laß uns die Sache gemeinsam klären, Morlock.« Ich stand ebenfalls auf. »Wenn du denkst, daß ich hier bin, um irgendwessen Andenken in den Schmutz zu ziehen, bist du auf dem Holzweg. Und wenn du glaubst, durch spitzfindige Zwischenfragen mein Theoriengebäude zum Wackeln bringen zu können, hast du eh schon gewonnen. Weder gibt es die perfekte Theorie, noch kenne ich alle Antworten. Ich denke nur laut nach, nichts weiter.«

»Und wie hast du dir das mit der Aufklärung so vorgestellt?«

Ohne eine Reaktion von ihm abzuwarten, steuerte ich schnurstracks den Tunnel an, der von einem wahren Berberteppich von Spinnweben verhangen war. Leise und eiskalt blies kontinuierlich der Wind durch den düsteren Schlund und blähte das Netz auf wie einen Ballon. Ich durchstieß es mit dem Kopf und begab mich in die Röhre.

»Was hast du vor?« hörte ich hinter mir Morlock aus dem Becken rufen. Es klang recht verzweifelt.

»Dreimal darfst du raten!«

Hastige Trippelschritte hinter meinem Rücken ließen mich wissen, daß er endlich aus seinem Schmollwinkel herausgekommen war und sich mir anschloß. Er holte schnell auf, und gemeinsam eilten wir nun einen gespenstischen Gang entlang, der von unvorstellbarem Dreck, noch mehr Spinnweben, undefinierbarem winterfesten Insektenvolk und hin und wieder von einem desorientierten Mäuselein gesäumt wurde. Vor allem aber herrschte hier undurchdringliche Finsternis, der allein unsere Zauberaugen ein bißchen Helligkeit abgewinnen konnten. Unser beider Atem dampfte vor uns wie Lokomotivenfurz, und das Geräusch unserer über den Stein schabenden Krallen hallte unendlich nach.

»Ich habe es dir schon gesagt, in diesem Haus gibt es nichts mehr zu entdecken«, sagte Morlock. »Keine Spuren und keinen mumifizierten Kannibalen. Der Kasten ist nach so langer Zeit nur noch ein Schatten seiner selbst. Wörtlich gemeint!«

»Doppelt seltsam, wo sich doch die Immobilienpreise in dieser Gegend seitdem mindestens verfünffacht haben.«

Nach einer guten Weile erreichten wir das Ende des Tunnels, traten ins Freie und erklommen die Senke. Nichts hatte sich draußen seit jenen Jahren verändert. Jedenfalls was das Bild des weiten Areals aus Paps' Erinnerungen betraf. Bis auf den Schneemantel natürlich, von dem jetzt die wuchernde Vegetation wie von einer geleckten Platte bedeckt wurde und der unter dem Nachthimmel bläulich schimmerte. Die Sterne von vorhin waren verschwunden. Dafür legte sich Frau Holle wieder mächtig ins Zeug und erstickte regelrecht die Erde unter sich mit dem Inhalt ihrer ausgeschüttelten Betten. In weiter Ferne ragte die Villa als undeutliche Silhouette hervor. Morlock hatte recht, sie sah wirklich ziemlich übel aus. Soweit man es durch das Schneetreiben erkennen konnte, war das Dach in der Mitte zusammengestürzt, geradeso, als hätte es ein riesenhafter Karatemeister in Ermangelung eines Riesenziegelsteins in der Mitte entzweigehauen.

Wir stapften durch den Schnee und standen schließlich vor dem Gebäude. Hatte Paps es schon damals als Ruine empfunden, so fiel mir jetzt dafür nur noch der Ausdruck »Schrott« ein. Die Sicht von weitem trog und gaukelte noch den Umriß eines halbwegs vollständigen Baus vor. Eine Illusion. Nicht allein der Putz, sondern gleich einige Mauern der einst herrschaftlichen Villa waren weggebrochen, so daß ein großzügiger Blick ins Innere frei geworden war. In den verschneiten Räumen standen vermoderte Möbelstücke und zu Türmen gewachsenes, nach technischem Equipment aussehendes Gerümpel herum, durch eingefallene Decken rieselten Schneeflocken wie Konfetti hernieder, und die geschwungenen Treppenaufgänge ähnelten, ihres einstigen kunstvollen Bombastes entschlackt, den Rippen von Dinosauriern.

»Was habe ich dir gesagt!« Morlocks Gesichtsausdruck strotzte nur so vor Genugtuung.

Ich ließ mich nicht beirren. »Du nimmst dir die oberen Stockwerke vor, und ich das untere.«

»Aber wonach suchen wir, o großer Meister?«

»Nach allem, was uns Hinweise auf den Kerl liefern kann, der vor siebzehn Jahren hier gehaust hat.«

»Geniale Idee! Glaubst du, das hätte ich nicht schon längst getan?«

Ohne eine Antwort zu geben, sprang ich auf die Veranda, die eigentlich den Namen nicht verdiente, weil sämtliche Holzplanken entweder bis zur Unkenntlichkeit morsch und brüchig geworden oder gar nicht mehr vorhanden waren, und marschierte dann durch einen mannshohen Durchbruch direkt in das Erdgeschoß. Als ich den Kopf kurz zurückwandte, sah ich an der Stelle, wo eben noch Morlock gestanden hatte ... nichts. Vermutlich wollte er das Pferd von hinten aufzäumen, will sagen, er war zur Rückfassade des Hauses geeilt, um von dort zu den oberen Stockwerken zu gelangen. Viel Glück!

Vor mir breitete sich ein Kleinod von einem altmodischen Salon aus, das mich melancholisch stimmte. Die erlesenen Ingredienzien wie holzvertäfelte Wände, ein gewaltiger Kamin und zwei spiegelverkehrt angelegte Treppenaufgänge, die nach oben zu einer ausladenden Galerie führten, waren alle unfaßbar verrottet. Die Decke wies unzählige Löcher, teilweise sogar Öffnungen mit dem Durchmesser eines Traktorreifens auf. Durch die hatte sich im Lauf der Jahre die Witterung auf brutalste Weise Zugang verschafft, so wie jetzt der Schnee, von dem jeder Winkel wie von Puderzucker überzogen war. Wieso hatte man diese einst wunderschöne Dame nicht längst einem Lifting unterzogen und ihr die einstige jugendliche Frische zurückgegeben?

Das technische Gerümpel, welches mir gleich am Anfang aufgefallen war, entpuppte sich als Unterhaltungselektronik vergangener Tage. Videorecorder, dickbäuchige Fernsehmonitore, Plattenspieler, Kassettenrecorder, Tonbänder waren samt und sonders ebenfalls an der Schwelle zur Auflösung begriffen und von einer Schneeschicht bedeckt. Wo mit der Suche anfangen? stellte sich mir die Frage, als ich den ersten Eindruck verarbeitet hatte. Obwohl ich vorhin den neunmalschlauen Detektiv hatte raushängen lassen, wußte ich nun nicht mehr, wie ich vorgehen sollte. Also spazierte ich an den kaputten Möbeln und Geräten entlang, schnupperte mal in dieser, mal in jener Ecke, und versuchte anhand der wenigen, von einem Schmutzfilm überzogenen Bilder an den Wänden etwas über den abwesenden Hausherrn zu erfahren. Ich blätterte in den sich ebenfalls im Zustand der Zersetzung befindlichen Büchern und Papieren auf dem Boden. Soweit ich erkennen konnte, waren sie wissenschaftlicher Natur und handelten von Sprache und Kommunikation. Schon nach fünf Sätzen verstand ich den Zusammenhang nicht mehr, und zwei Sätze weiter kam mir das Gelesene wie Arabisch vor. Komischer Ex-Sträfling, der sich mit solch einem hochgeschraubten Zeug beschäftigt hatte.

Schließlich stand ich ratlos inmitten des Saales und ließ mich durch die diversen Löcher in der Decke einschneien. In der düsteren Ruine schien ein heller Schleier zu tanzen. Ich versuchte krampfhaft, mir etwas Gescheites einfallen zu lassen, wie ich die desaströse Hausdurchsuchung gegenüber Morlock rechtfertigen könnte. Immerhin hatte er mir ja versichert, daß er bereits alles durchsucht habe. Apropos Morlock, wo steckte der Kerl überhaupt? Ich schaute nach oben zu den Durchbrüchen, durch die Schneeflocken wie winzige Engel herunterschwebten. Nichts, kein Morlock, nirgends.

Ich wollte gerade nach ihm rufen, als mein Blick zufällig eine Kommode streifte und daran haftenblieb. Obwohl auch dieses Möbel vom Verfall völlig entstellt war, konnte man schon von weitem die stilvollen Intarsien und Messingbeschläge an dem einst kostbaren Stück erkennen. Zwei spießförmige Kerzenständer standen unmittelbar davor auf dem Boden. Ich sprang an dem kerzenlosen Dorn des einen vorbei hoch auf die Kommode und untersuchte den Kasten genauer. Er besaß drei Schubladen mit Messinggriffen. Der Teufel ritt mich, und ehe ich mich versah, war ich auf dem Boden, stellte mich auf die Hinterpfoten und biß mich an dem Griff der obersten Schublade fest. Dann ging ich langsam rückwärts Richtung Kerzenständer und benutzte dabei das ganze Maul als elastische Zugmechanik. Anfangs blockierte die Schublade, und die Anspannung in meinem Kiefer- und Halsmuskelbereich verwandelte sich sehr schnell in Schmerz. Dann aber gab das verdammte Ding endlich nach und ließ sich herausziehen.

Sofort hechtete ich hinein. Auch hier lag nichts Besonderes – allerdings war der Inhalt diesmal privater Natur. In der Schublade befanden sich ein Goldring, dessen Siegel eine Dämonenfratze darstellte, lose, vergilbte Papiere, auf denen mit einer geradezu künstlerisch zu nennenden, geschwungenen Handschrift Ansichten ohne Sinn und Verstand festgehalten waren, und ein paar Kunststoffminiaturen von Schafen und Giraffen, offenkundig Kinderspielzeug. Danach machte ich mich über die mittlere Schublade her und öffnete sie auf die gleiche anstrengende Art wie vorhin. Darin krabbelten Insekten über verstaubtem Krimskrams: ein Handspiegel, Feuerzeuge, verrostete Schlüssel, antiquiertes Rasierzeug und so weiter. Mein Goldgräber-Enthusiasmus hatte inzwischen den Tiefpunkt erreicht, dennoch hätte ich es mir nicht verziehen, wenn ich nicht auch noch die unterste Schublade untersucht hätte. Also erneut die Zähne in den Griff gerammt, wieder das beschwerliche Herausziehen mittels Rückwärtsgang und ...

Plötzlich hörte ich ein Schwirren gepaart mit einem gellenden Schrei! Es war so laut, als hätte jemand eine Kugel abgefeuert. Ich fuhr herum und sah sofort zur Decke. Instinktiv spürte ich, daß die Gefahr von oben kam. Und da war er: Batman! In dem bläulich schimmernden Schneeflockenschleier sah ich den berühmt-berüchtigten Fledermaus-Mann aus einem der Löcher auf mich niederschießen. Doch je mehr er sich mir näherte, desto offensichtlicher wurde, daß es sich bei dem erdwärts stürzenden Schatten nicht um Batman handelte, sondern um einen meiner Artgenossen, den ebenfalls ein dunkles Geheimnis umgab.

Morlock prallte mit voller Wucht auf mich, und es glich einem Wunder, daß er mir dabei nicht sämtliche Knochen brach. Er hatte mich wohl die ganze Zeit vom Rand des Durchbruchs beobachtet und in dem Moment zugeschlagen, als ich seine neuralgische Stelle entdeckte. Nachdem wir ineinanderverkeilt wie zwei in der Kühltruhe zusammengefrorene Spießbraten zur Seite rollten, verlor er keine Sekunde, mir mit seinem bis zum Anschlag aufgerissenen Gebiß an die Kehle zu gehen. Das weiß blitzende Teil, welches einem Arsenal von Stichwaffen glich, haschte wie außer Kontrolle geraten nach mir. Dabei leuchteten seine blauen Augen so überhell, als bestünden sie aus einer kochenden Masse. Der elegant dandyhafte Gesichtsausdruck von vorhin hatte sich in die kalte Fratze eines Killers verwandelt. Fauchend überschlugen wir uns mehrmals auf dem Holzboden. Keine Gelegenheit wurde ausgelassen, den anderen zu beißen, zu treten und an ihm zu zerren. Und trotz des Fellpolsters blieb es nicht aus, daß unsere Leiber tiefe Kratzer abbekamen und unser Blut die Schneeschicht unter uns rot einfärbte.

Schließlich hielt ich die Grenze für erreicht, wo bloße körperliche Bedrohung in echte Todesgefahr umzukippen drohte. Morlocks Griff wurde immer fester, seine Krallen rissen immer qualvollere Wunden in meine Haut, und sein nunmehr von offener Mordlust entstelltes Maskenantlitz mit dem beharrlich zuschnappenden Messergebiß war von meinem schon arg blutenden Gesicht nur noch Millimeter weit entfernt. In einem seiner schwachen Momente gelang es mir mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften, mich von ihm zu befreien. Ich vollführte einen Riesensatz auf die Kommode, war mir jedoch dabei bewußt, daß er mir unverzüglich nachsetzen würde. Deshalb stürzte ich mich sofort nach der Landung zur Seite und sah ihn auch schon im Anflug in meine Richtung. Als er bei mir eintraf, versetzte ich ihm mit den Hinterpfoten einen brachialen Tritt.

Morlock wurde nach hinten katapultiert, flog von der Kommode und stürzte auf einen der spießförmigen Kerzenständer. Das Ding durchbohrte ihn vom Bauch, die Spitze kam aus dem Rücken wieder heraus. Er sah aus, als hätte er eine Metamorphose zu einem Schmetterling hinter sich, den ein Sammler mit einer Nadel gepfählt hat. Wie ein nach unten weisendes U an dem Kerzenleuchter hängend, bewegten sich die Beine noch, als gehörten sie einer Marionette, die ihr Spieler in der Luft zappeln ließ. Aus seiner Nase und dem Maul träufelte Blut, und der keilförmige Kopf schwang irritiert hin und her. Doch nicht einmal diese finale Situation konnte seiner braunbeigen Schönheit mit den markanten schwarzen Sprühflecken Abbruch tun. Im Angesicht des Todes kam die unvergleichliche Pracht des Schmetterlings mit vielfacher Wirkung zurück. Ich schwöre es, das hatte ich nicht gewollt!

Ich sprang von der Kommode und näherte mich ihm. »Wieso hast du den Schlüssel zu deinem Geheimnis nicht zerstört, bevor ihn jemand in die Pfoten kriegt, Morlock?« fragte ich. Nur eiserner Wille hinderte mich daran, in ein großes Geheule auszubrechen.

»Weil ...« Seine Zähne färbten sich dunkelrot vom herausquellenden Blut. »Weil ich nicht damit gerechnet habe, daß sich nach all den Jahren jemand dafür interessieren würde. Es war meine einzige Verbindung zu ihm, das einzige Andenken. Die untere Schublade ... mein Vater ... er war nur ein dummer Dienstbote, weiter nichts für den Lichtbringer.« Er schloß die Augen und gab ein trauriges Stöhnen von sich.

»Was für ein Lichtbringer?«

Morlock öffnete die Augen wieder. Das brillante Blau war trübe geworden, geradeso, als sei die Farbe aus ihnen ausgelaufen. »Er bringt das Licht, die Morgenröte, und damit blendet er dich. Aber am Ende ist um dich herum nur noch die Finsternis. Mein Vater ... er hat sich von ihm blenden lassen, obwohl er nur der Fänger war ...« Er spuckte einen gewaltigen Klumpen Blut aus.

»Morlock, was bedeuten diese Begriffe, Lichtbringer, Fänger? Bitte, du mußt es mir sagen, bevor du ...«

»Es tut mir so schrecklich leid, Junior. Vor allem, weil ich das Geheimnis für mich behalten habe. Aber ich, ich habe ihn so sehr geliebt, meinen Vater, ich war der Wächter seines Geheimnisses ...«

Ein starkes Zucken durchfuhr ihn, so daß er sich ein letztes Mal aufbäumte und einen Schrei ausstieß. Dann sackte Morlock in sich zusammen und glich jäh einem reglos am Bügel baumelnden Pelzkragen.

Was mich anging, so war mir die Lust an der Geheimniskrämerei nun gründlich vergangen. Tränen traten mir in die Augen, und am ganzen Leibe zitternd ließ ich ihnen freien Lauf. Ich hatte den Kerl kaum gekannt, und durch seine krasse Abschiedsvorstellung gewann ich auch nicht gerade den Eindruck, daß er je einer der Guten gewesen war. Und dennoch hatte es diese Verbindung zwischen uns gegeben: Ein Sohn zu sein und wie ein Sohn zu fühlen, auch wenn der eigene Vater ein Scheusal war. Sein Schicksal ging mir auch deshalb so an die Nieren, weil ich es bis vor ein paar Jahren selbst geteilt hatte. Ich hatte es verdrängt, aber in Anbetracht dieses grenzenlosen Unglücks eruptierte die Erinnerung um so machtvoller. Denn auch ich hatte einst den tollen Francis, den unbekannten, nie anwesenden Vater gesucht – und schließlich gefunden. Morlock jedoch hatte nie eine Chance gehabt, seinen Vater zu finden. Eloi war ihm schon vor seiner Geburt an den Lichtbringer verlorengegangen.

Allmählich spürte ich wieder meine schmerzenden Knochen und die brennenden Kratzer, die mir derjenige beigebracht hatte, um den ich nun weinte. Doch bevor ich mich auf den beschwerlichen Weg nach Hause machte und mich von Gustav verarzten ließ, trat wie erwartet die verdammenswerte Neugier erneut auf den Plan und forderte ihren Tribut. Sie machte nicht einmal vor der Totenruhe halt! Natürlich wollte ich nun doch noch das große Geheimnis lüften, für das ich mein kostbares Blut gegeben hatte, obwohl ich noch vor ein paar Minuten gegenteiliger Meinung gewesen war.

Ich zog die untere Schublade heraus, doch anstatt einer Schatzkarte oder eines Satzes Totenschädel oder sonst etwas Spektakulärem, das Auskunft über das vergangene Verbrechen hätte geben können, sprang mir etwas völlig Harmloses ins Auge: eine gerahmte Schwarzweißfotografie hinter zersprungenem Glas, die im Lauf der Zeit und durch Stockflecken schon ziemlich braun und schimmelig geworden war. Es handelte sich dabei um einen Zeitungsausschnitt, um eines jener Sammelstücke, welches dem eigenen Ego schmeichelt, wenn man selbst darauf abgebildet ist. Darauf blickten zwei Gestalten den Betrachter geradewegs an. Eine von ihnen war ein älterer Herr, der an einem mächtigen Schreibtisch saß und galant lächelte. Allerdings hatte man keinen abgehalfterten Greis vor sich, sondern eine recht beeindruckende und vitale Persönlichkeit. Das auffälligste an dem Mann waren seine schulterlangen, silbrig ergrauten Haare, welche das von scharfen Falten überzogene und von einer imposanten Habichtnase und stechenden Augen gekrönte Gesicht umrahmten. Er besaß einen dunklen Teint, einen breiten, wulstigen Mund und die weise Aura eines erleuchteten Gurus.

Der Alte hatte seine linke Hand auf einen alten Bekannten gelegt. Auf dem Schreibtisch saß Eloi in vollem Glanz und starrte aus seinen strahlenden Augen ebenfalls frohgemut in die Kamera. Der attraktive Siamese schien das verwöhnte Haustierchen von dem Kerl gewesen zu sein. Sein Sohn, der nun nach siebzehn Jahren wie ein grausames Denkmal sinnloser Gewalt neben mir auf dem Kerzenständer aufgepfählt war, glich ihm bis aufs Haar. Ein kleiner Holzglobus in fahlen Grautönen, der die rudimentär kartographierte Welt vor vielleicht fünfhundert Jahren darstellte, winzige Artefakte vornehmlich afrikanischer Herkunft, ein funkelnder Krummdolch auf einem Holzständer, eine Jugendstil-Tischlampe mit Schirm aus Tierhaut und weitere Gegenstände, die ihren Benutzer als den akademischen Kreisen zugehörig kennzeichneten, standen auf der Schreibtischplatte.

Die Bildunterschrift bestätigte meine Vermutung, daß es sich bei dem Mann auf dem Foto um den ehemaligen Hausherrn der Villa handelte. Höchstwahrscheinlich hatte das Bild jahrelang an irgendeiner Wand geprangt, bis Morlock es entdeckt, von der Wand gerissen und hier in der Schublade versteckt hatte. Wie auch immer, die Bildunterschrift jedenfalls klärte einiges auf und gebar doch wieder völlig neue Geheimnisse:

 

Professor Eduard von Refizul, Direktor der psychiatrischen Privatklinik MORGENROT, die einstmals ein Kloster gewesen war. Bei dem in Fachkreisen hochgeschätzten Wissenschaftler sind Tiere in der Behandlung willkommen. Das Pilotprojekt der sogenannten tiergestützten Therapie soll eine beruhigende und sogar heilende Wirkung besitzen, vor allem die Kommunikation der Patienten mit ihrer Umwelt fördern. Hier mit seinem Liebling Eloi, der bei besonders schwierigen Fällen eingesetzt wird.

 

Von wegen kannibalischer Ex-Sträfling! Aber warum hatte ein derart hoch angesehener Psychiater in einem Abbruchhaus gewohnt? Fragen über Fragen ... Eine Zeile weiter stand die Adresse der Anstalt, die meine Ohren leise zum Klingen brachte. Soweit ich es vom Hörensagen mitbekommen hatte, befand sich das ehemalige Kloster auf einer Insel inmitten eines kleinen Sees ganz in der Nähe. Nun ja, so nah vielleicht auch wieder nicht, denn wenn ich mich nicht irrte, war es von hier mindestens einen Kilometer entfernt. Meine blutenden Wunden signalisierten mir, daß es keine gute Idee wäre, jetzt auch noch dort hinzulatschen. Und wahrscheinlich mußte ich eh davon ausgehen, daß diese sonderbare Klinik nach so langer Zeit überhaupt nicht mehr existierte. Sicher war es viel vernünftiger, erst nach Hause zurückzukehren, sich behandeln zu lassen, Paps' Geschichte zu Ende zu hören und sich dann in aller Ruhe ein paar Gedanken über die weitere Vorgehensweise zu machen.

Doch Nein! schrie die Diktatorin namens Neugier in meinem Schädel und Beiß gefälligst die Zähne zusammen! Draußen dämmerte es bereits, was nicht hieß, daß mich vor der Tür ein atemberaubender Sonnenaufgang erwartete. Es schneite immer noch so verschwenderisch, als hätte Frau Holle sich zwischenzeitlich in einen Arbeitsrausch hineingesteigert, und der Himmel kam aus seiner Trübnis gar nicht mehr heraus. Das war ja eine schöne Nacht gewesen! Ich überlegte. Wahrscheinlich würden meine Kräfte ausreichen, die Strecke bis zu der mysteriösen Anstalt zurückzulegen. Aber wenn ich dann am Ufer des Sees stand, wie würde ich auf die Insel gelangen? Paps und die anderen machten sich bestimmt schon Sorgen um mich.

Entgegen dieser einsichtigen Gedanken überwältigte mich schon im nächsten Moment der Teufel der Irrationalität, und ich schlug alle Vernunft in den Wind. »Wird schon gutgehen«, hörte ich mich sagen, als ich die Villa und meinen neugewonnenen und schon wieder toten Freund Morlock verließ und mich von dem unserer Spezies eigenen, unfehlbaren inneren Kompaß leiten ließ.

Zu Anfang hielten sich die Strapazen noch in Grenzen. Angetrieben von unbarmherziger Neugier, überwand ich die schneebedeckten Gärten und Mauern souverän und im passablen Tempo. Adrenalin und Übermut halfen mir über die Schmerzen hinweg, und das regelmäßig aus meinen Wunden tröpfelnde Blut, welches im Schneemantel eine bedenkliche Spur hinterließ, versuchte ich soweit es ging zu ignorieren.

Dann jedoch versagte alle Selbsttäuschung. Die Landschaft wurde nun ländlicher, nur noch vereinzelt streifte ich an Häusern entlang. Der Wald, ein vollkommen weißes Labyrinth, tauchte schon am Horizont auf. Die Schmerzen hatten sich mittlerweile enorm intensiviert, und der Blutverlust bewirkte eine zunehmende Erschöpfung. In diesem Zustand hätte ich es nicht mehr nach Hause schaffen können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Mein Verhalten veränderte sich, ebenso meine Wahrnehmung der Umgebung. Das qualvolle Stapfen durch den Schnee geriet immer mehr zu einem mechanischen und fast besinnungslosen Weiter so! Das grauweiße Szenario um mich herum verkam zu einem unwirklichen, mit jedem Schritt unschärfer werdenden Aquarell, zu dem ich mich innerlich auf Distanz begab. Durchaus möglich, daß ich inzwischen unter Unterkühlungs- oder gar Erfrierungszuständen litt, denn wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, mich von außen zu betrachten, hätte ich vermutlich ein mühsam kriechendes, völlig zugeschneites Fellbündel mit zu Eiszapfen gefrorenen Haarspitzen gesehen. Und einen totalen Dummkopf!

Ich weiß nicht mehr, wie es ab einem gewissen, bewußt wahrgenommenen Moment weitergegangen war. Nur schemenhaft erinnere ich mich an zu Eisskulpturen erstarrte Bäume, an wie von glühenden Eisen verursachte Qualen in meinen Eingeweiden, an mit einem Gottespinsel weiß angemalte Äcker und an eine kurze Strecke durch den Wald, in dem trotz des brüllenden Schneegestöbers wundersamerweise eine schier kosmische Stille herrschte.

Dann jedoch, als hätte ein Hypnotiseur, der den Probanden in die wache Welt entläßt, laut mit dem Finger geschnalzt, kam die Wahrnehmung glasklar wieder zurück. Ich fand mich am Ufer des Sees wieder, der mein Ziel gewesen war. In der Ferne erblickte ich die kleine Insel, von der auf dem Zeitungsausschnitt die Rede gewesen war. Die Frage, wie ich dort hingelangen würde, erledigte sich auf ganz natürliche Weise. Der See war zugefroren und einige Boote an einem ins Wasser ragenden Holzsteg gleich mit. Eiszapfen von beeindruckender Länge hingen von den Tauen, an denen sie befestigt waren. Das Seltsame war jedoch, daß auf dieser Miniinsel kein klosterähnliches Gebäude mehr in den Himmel ragte, sondern ein gigantischer, monolithartiger Protzbau, der komplett aus Glas zu bestehen schien. Und eine riesige Tafel daran mit der Aufschrift MORGENROT ...